Im Quartier der Macht …

… wohne ich seit nun gut einem halben Jahr. So richtig klar geworden ist mir das allerdings erst diese Woche.

„Guck mal“, sagt meine Mutter und zeigt aus dem Fenster. „Der hat ganz schön viel zu tun.“ Einen Löffel mit Käse überbackene Zwiebelsuppe schlürfend schaue ich hoch und folge ihrem Blick hinaus aus der kleinen Brasserie, in der wir zu Abend essen, auf die Straße: Der Voiturier vom China-Restaurant gegenüber kann gar nicht mit der Nachfrage mithalten – ein großer, schwarzer Wagen mit verdunkelten Scheiben nach dem anderen hält in der kleinen Nebenstraße der Champs-Elysées. Und ihre Insassen tapsen alle in das China-Restaurant.

Fast mafiös kommt mir das Ganze schon vor, als ich plötzlich eins der Gesichter unter den Liebabern asisatischer Küche wiedererkenne: „Das ist doch … Jacques Chirac!“ rufe ich durch unsere Brasserie – die zum Glück fast leer ist.

Leer ist der Chinese gegenüber schon lange nicht mehr: Männer allen Alters mit oder ohne Aktentaschen, Frauen, Kinder folgen dem französischen Ex-Präsidenten durch die verdunkelte Glastür.

Bis zu dem Punkt, an dem wir uns fragen, wie zum Henker die wohl alle in den doch relativ kleinen Laden reinpassen. „Wohl ins Obergeschoss“, meine ich und zeige auf die Fensterläden im zweiten Stock, die wie auf Kommando in dem Moment eine Frau von innen zuzieht.

„Jedenfalls muss das Restaurant wirklich gut sein, wenn sogar Jacques Chirac dahin geht“, kommentiert meine Mutter trocken und trägt die Adresse in ihren Reiseführer ein.

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Ein Abend später. Meine Mutter ist wieder mit dem Zug in die Heimat gesaust. Die besichtigungsfreie Zeit nutze ich, um meinen hausfräulichen Pflichten nachzukommen und schleppe mich samt meiner Schmutz-Wäsche in den Waschsalon. Und während ich da so Zeitung lesend und Musik hörend auf die Waschtrommel warte, stolpert durch die Tür ein Mann mit Reisetasche, bleibt in der Mitte des Raumes stehen.

„Wie funktioniert denn das?“ fragt er und schaut mich fragend an. „Was, die Waschmaschine?“ sage ich ungläubig. Bei ihm zu Hause gäbe es andere Modelle, antwortet er nur mit einem entschuldigenden Grinsen.

Ich erbarme mich seiner – gebe ihm einen fünfminütigen Waschmaschinenbedien-Intensiv-Kurs. „Und, was machen Sie so?“ fragt mich der rund 50-Jährige. Als er daraufhin das Wort „Journalismus“ hört, fängt er wie von der Tarantel gestochen an, mich mit Allgemein-Bildungsfragen zu löchern. Ein Test, den ich natürlich (nicht) bestehe.

Leicht erschöpft lenke ich schließlich ab, frage, was für einem Job er nachgeht. „Ich bin ökonomischer Berater des mauritanischen Premier-Ministers„, sagt er und holt seinen Pass raus, auf dem „Diplomatic Passport“ steht.

„Sie können also machen, was sie wollen – als Diplomat“, kommentiere ich und er guckt mich fragend an. „Ich meine, sie sind immun gegenüber Strafverfolgung“, erkläre ich, und er nickt, grinsend. Zudem reise er viel durch die Welt – Paris, London, gerade kommt er aus Doha.

Und dabei lerne man wirklich viel über die Welt, andere Länder, andere Menschen, meint er.

Nur über Waschmaschinen nicht, denke ich.

L.

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About Lisa (ich selbst)

Huhu! Ich bin Lisa. Seit 2005 wohne ich nun im schönen, kleinen Paris. Schön ist's hier, nette Leute gibt's und viele lustige Dinge passieren. Aber - lest doch einfach selbst... L.